Flussperlen - eine Spurensuche
Wenn man nach der Herkunft von Perlen fragt, so wird im Normalfall die Antwort nicht besonders schwer fallen. Der größte Teil heutiger Zuchtperlen kommt aus Asien (China hat inzwischen den einstigen Marktführer Japan überholt). Naturperlen werden nach wie vor, wenn überhaupt, vor allem in arabischen Ländern gefunden. Spezialfälle wie schwarze Tahitiperlen oder die silbrig glänzende Australperle verraten schon im Namen, wo die größten Vorkommen liegen.
Und hierzulande? Der Gedanke scheint auf den ersten Blick ein wenig absurd zu sein. Und doch: schaut man auf mittelalterliche Gemälde, so sind die Damen der gehobenen Gesellschaft oft in überreichlichem Perlenschmuck zu sehen. Perlenketten und prachtvoller Ohrschmuck zeigen den Status der Trägerin an. In der Tat gab es noch vor gar nicht so langer Zeit Vorkommen der perltragenden Muschel Margaritifera Magaretifira in vielen deutschen Flüssen.
Am häufigsten waren die Perlenfunde in Bayern. Dort, wo die von den Berghängen kommenden Bäche ihr Gefälle verlieren, scheinen sich die Muscheln besonders wohlgefühlt zu haben. Kein Wunder, brauchen sie doch langsam fließendes Wasser. Besonders der Raum um Passau war für seinen Perlenreichtum berühmt. Dass solche Fülle natürlich Begehrlichkeiten weckte, liegt auf der Hand. Daher wurden die begehrten Perlen schon im 15. Jahrhundert dem Bergrecht unterstellt.
Hundert Jahre später ging der Fürstbischof von Passau noch einen Schritt weiter: er bestimmte, dass allein ihm die Fischerei von Perlen im Bayrischen Wald erlaubt sei. Auf unerlaubtes Perlenfischen stand zeitweise die Todesstrafe. Da der Monarch nicht davon ausgehen konnte, dass seine Untertanen den Erlass lesen konnten, verkündeten farbenfrohe Verbotstafeln die zu erwartenden Strafen – von glimmenden Folterwerkzeugen und Galgenschlingen bis zur abgehackten Hand war dort alles kunstvoll auf Holz gebannt. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein galt das fürstliche Perlenregal unbestritten.
Auch im Fichtelgebirge wurden Perlen entdeckt. Natürlich wollten andere Landesherren da nicht zurückstehen und versuchten sich zwar streng genommen nicht an Perlenzucht, aber doch an der Ansiedlung von Perlmuscheln. Kurfürst Max III. Versuchte 1758, 10 000 bayrische Perlmuscheln in einem Kanalsystem bei Schloss Nymphenburg anzusiedeln. Das ehrgeizige Experiment war ein Flop. Die gesamte Population starb nach kurzer Zeit.
Mehr Glück hatte Karl Theodor von der Pfalz, als er die ungleich kleinere Zahl von gerade einmal 1200 Muscheln in der Steinach im Odenwald aussetzen ließ. Nicht nur, dass die Tiere dort über 200 Jahre überlebten, sie begannen sogar schon nach kurzer Zeit, tatsächlich Perlen zu liefern. Allerdings war dieser Erfolg mehr dem Zufall geschuldet als irgendeiner sinnvollen Planung. Die Flussperlmuschel benötigt zu ihrer Fortpflanzung einen Wirtsfisch. Die Bachforelle nimmt von den Muscheln ausgestoßene Larven auf, die dort überwintern. In der Steinach gab es Bachforellen in großer Zahl. Erst als die zunehmende Wasserverschmutzung dem Fisch in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Garaus machte, begannen auch die Perlen auszusterben.
Doch auch anderswo blühte die Perlenfischerei. Im Grünen Gewölbe zu Dresden wird eine legendäre Perlenkette aus extrem gleichmäßigen Perlen aus der Elster in der Oberlausitz ausgestellt, und die Vorkommen in der Lüneburger Heide waren insbesondere für sakrale Kunst ein gern genutzter Rohstoff. Vor allem in den Heideklöstern blühte schon im 15. Jahrhundert die Perlenstickerei.Heute gibt es nur noch in der Lachte, einem Nebenfluss der Aller, Reste an Populationen von Margaritifera, und das auch nur, weil es sich schlicht nicht lohnte, dieses unbedeutende Rinnsal zu befischen. Umfangreiche Schutzmaßnahmen führen hier aber langsam wieder zu einer Zunahme.
Und doch: wer sich auf die Suche macht, kann die Spuren des alten Perlenreichtums noch finden. Sei es auf den Portraits jener Zeit, auf denen Perlenschmuck oft ein Rolle spielt und Perlenketten quasi zum guten Ton gehören, sei es auf den prunkvollen Altarbehängen und perlenbestickten Osterkissen. Der Ort Schwienach bei Uelzen trägt sogar zwei Flussperlen in seinem Stadtwappen.
Die Anfänge der Perlenzucht
Perlen der Weltgeschichte, Teil II.
Perlen der Weltgeschichte, Teil I.
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