Die Erotik der Perlenkette
Zwar ging es in der obigen Szene aus James Camerons Blockbuster Titanic von 1997 nicht um eine Perlenkette, sondern um ein Diamantcollier. Überdeutlich wird jedoch, dass Schmuck an einer schönen Frau offenbar sehr erotisch wirken kann. Eine geschmackvolle Frau hätte sich um 1912 vermutlich sowieso viel lieber mit Perlen als mit Diamanten geschmückt, denn die Wertschätzung der edlen Naturperle erreichte gegen Beginn des 20. Jahrhunderts einen absoluten Höhepunkt. Das hängt vor allem mit verfeinertem Geschmack zusammen: die neureichen Diamanten-Händler und Industriellen des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten es mit ihrer Vorliebe, Damen mit teurem Schmuck zu überhäufen, so übertrieben, dass Diamanten schon geradezu als obszön galten. Da war das klassische Understatement von Perlenketten doch gleich etwas ganz anderes.
Geradezu ein Skandal war es, als der umstrittene Künstler Mel Ramos in den Sechziger Jahren eine attraktive Blondine in aufreizender Pose auf einem überdimensionalen Hamburger darstellte. Die gute war nämlich mit nichts als einer überlangen Perlenkette bekleidet.Und doch: was hier zur Karikatur von Konsum und erotischer Werbung wurde, hat kulturell eine lange Geschichte.
Sieht man sich klassische Skulpturen der Renaissance oder des Barock an, so ist Perlenschmuck allgegenwärtig. Gerade die traditionell nackt abgebildeten Figuren aus der klassischen Mythologie sind oft mit Perlenketten und passendem Ohrschmuck geschmückt. Die Perle, zugleich ein Symbol für Verführung und Reinheit, zieht sich als durchgehendes Motiv auch durch die Gemälde jener Zeit. Venus, die vor dem Bade ihre Kleider ablegt, nicht aber die Perlen, die sie um den Hals trägt. Damen der Gesellschaft ließen sich häufig nur mit einem Perlencollier bekleidet in Öl der Nachwelt überliefern. Das war im Prinzip kein allzu großer Schritt mehr, denn die tiefen, mit Perlen geschmückten Dekolletees jener Zeit verbargen auch nicht viel mehr von den weiblichen Reizen, die die Künstler so gern in Szene setzten.
Die erotische Wirkung der Perle beschränkte sich keineswegs nur auf den europäischen Raum. „Lasst uns eine Ausfahrt zum Vergnügen machen mit zwanzig jungen Ruderinnen“, heißt es in einem altägyptischen Roman, „und gebt Ihnen Netze aus Perlen statt der Kleider, damit ich mich daran ergötze.“ Doch selbst hiesige Erotik-Versandhäuser bieten Reizwäsche an, die mit Perlen besetzt ist – leider mit Kunstperlen. Auf die Unterwäsche aus Zucht- oder gar Naturperlen wartet man seit Kleopatras Zeiten vergeblich.
Der sanfte Schimmer einer Perle auf mindestens ebenso matt schimmernder Haut ist ein ästhetischer Hochgenuss. Und auch wenn mit dem Aufkommen der Süßwasserzuchtperlen Perlenketten schon lange nicht mehr so exklusiv und unerschwinglich sind wie in früheren Zeiten, so lebt der Mythos doch fort.
Die Tränen des Himmels
Das Mahl der Kleopatra
Perlenträume aus 1001 Nacht
Es ist nicht alles Perle, was glänzt...
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