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erstellt von: krawatten, am 03.05.2011 09:53 , Clicks: 884

Perlen-Prunk im Mittelalter

Prunk ist bei jenen immer sehr beliebt gewesen, die ihn sich leisten konnten – und meinten, das auch zur Schau stellen zu müssen. So trug Karl der Kühne – politisch wie privat nicht besonders mit Glück gesegnet - auf dem Reichstag zu Trier 1475 ein perlenbesetztes Gewand, das nach heutigen Maßstäben etwa zwei Millionen Euro wert wäre. Allgemein schien dies ein Jahr der Prachtentfaltung zu sein. Der Perlenprunk bei festlichen Anlässen wie etwa der „Landshuter Hochzeit“ war unbeschreiblich. Die beteiligten Familien von Georg dem Reichen und König Casimir von Polen lieferten sich eine regelrechte Schmuckschlacht. Auch andere Königshäuser überboten sich mit Perlenschmuck über Perlenschmuck. Da fällt es schwer, zu glauben, dass die eigentliche Blütezeit der Perlenkunst hierzulande deutlich früher begann.

 

Was die Potentaten der frühen Neuzeit ganz unbekümmert als Mittel der Selbstdarstellung nutzten, war unter ihren mittelalterlichen Vorgängern fast nur in sakralen Zusammenhängen zu finden. Und doch: schon im Reich von Byzanz wurde Perlenschmuck ausgesprochen geschätzt. Kaiser wie Justitian, dem die Welt außer einer Vielzahl von prunkvollen Abbildungen und Kunstwerken auch eine bedeutende Gesetzessammlung verdankt, zeigten sich gern mit prachtvollen Perlenkronen und Perlenketten, seine Gattin schwelgte in wertvollem Ohrschmuck.

Derartige Kronen waren auch bei den Volksstämmen der Ost- und Westgoten sehr beliebt, war man doch seit der Eroberung Roms durch Alarich 410 in den Besitz der ungeheuren römischen Perlenreserven gekommen.

 

Das frühe Frankenreich und später nicht zuletzt die karolingische Renaissance ab etwa 800 versuchten hier, an den Glanz der Antike anzuknüpfen. War solcher Prunk dort aber ein Mittel der Repräsentation, so wurde nun der wertvolle Schmuck für den sakralen Bereich entdeckt. Legendär sind etwa die von König Dagobert I. in Auftrag gegebenen Reliquiare aus dem 7. Jahrhundert.

 

Die Perle galt als Schmuckstück mit hoher Symbolik. Ein edles Zeichen der Liebe Gottes sei sie. Allegorien sahen Christus als Perle, geborgen von Maria. Gleichzeitig als Symbol der Unschuld und Reinheit angesehen, wurden vorzugsweise auch Marienbilder mit Perlen geschmückt. Doch auch Gewänder und Altäre wurden mit Perlen übersät. Evangeliare hatten perlenverzierte Umschläge. Ein beliebtes Symbol wurde das Crux Gemmata, das edelsteinbesetzte Kreuz mit insgesamt 12 Steinen, die Jünger Jesu versinnbildlichend, und einer Perle als Symbol Christi im Mittelpunkt.

 

Verarbeitet wurden vor allem Perlen aus der Spätantike. Erst nach und nach wurden sie langsam von einheimischen Flussperlen verdrängt. Doch nicht nur die Kirchen füllten sich mit wertvollsten Pretiosen. Bei Hof trugen die Damen der Gesellschaft Perlenbänder im Haar, schmückten sich mit Perlen-Ohrringen und Perlenketten und stickten sich später auch Perlen auf Gewänder. Natürlich wurden die repräsentativen Naturprodukte auch für Insignien und Kronen verwandt.

 

Im Hochmittelalter schließlich wurde die höfische Dekadenz langsam zum Problem. Bei manchen Turnieren konnte man kaum noch auf die Tribüne sehen, so sehr blendete der Glanz der Perlen zeitgenössischen Beobachtern zufolge. Wenn Autoren wie Hartmann von Aue oder Chretien de Troys von Kleidern schreiben, die über und über mit Perlen gewirkt waren, so könnte man das noch für dichterische Fantasie halten. Doch überliefert sind auch Schneiderrechnungen, die zeigen, dass diese Beschreibungen nicht weit von der Realität entfernt waren. Kein Wunder, dass solche Pracht Kirchenvertreter und Hofkritiker in Alarmbereitschaft versetzte.

 

Die Übertreibungen des Mittelalters sicherten zwar die herausragende Stellung der Perle in der Schmuckwelt, nahmen ihr aber auch etwas von ihrer Exklusivität. Dabei liegt gerade hier die große Stärke der Perlenkette: Sie glänzt nicht mit metallischem Strahlen oder leuchtender Farbe, sondern schmiegt sich dezent an und ist so ein Sinnbild modischen Understatements. Auch heute noch sollten Sie für eine optimale Wirkung sich nicht in Perlen hüllen, sondern lieber eine edle Perlenkette mit einem dezenten Ohrschmuck kombinieren. Denn das zeigt nicht Prunk, sondern Stil. Und seit Verbreitung der Zuchtperlen müssen Sie dafür auch sicher keinem Herrscherhaus mehr angehören.


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