Die Anfänge der Perlenzucht
Im 3. Jahrhundert nach Christus beschrieb der antike Philosoph und Schriftsteller Philostratus in seiner Biografie des Appolonius von Tyana einen merkwürdigen Brauch: So führten Perlentaucher im Roten Meer spitze Instrumente in das Innere von Muscheln ein, um anschließend in kleinen Eisenformen eine entstehende Flüssigkeit zu ernten. Was der griechische Gelehrte hier stark verfälscht wiedergibt, könnte ein primitiver Versuch der Perlenzucht gewesen sein. Denn es liegt nahe, dass gerade in einem Gebiet, in dem heute noch Naturperlen gefunden werden, die Versuche zur Zucht der wertvollen Handelsware ihren Ausgang genommen haben könnten.
Auch in Nordamerika wurden, wenn auch weniger systematisch, Versuche zur Zuchtperlenherstellung unternommen. In der an natürlichen Flußperlen reichen Gegend von Ohio fand man nicht nur kunstvolle Perlenketten, sondern auch mit Perlsubstanz überzogene Kugeln aus Ton und Glimmer.
Erfolgreicher waren da die Chinesen. Bereits im 1. Jahrhundert vor Christus begannen dort die Versuche der Zucht von Zuchtschalenperlen. Gern legte man später auch kleinste Statuen ins innere von Perlmuscheln, um sie ein paar Jahre später mit Perlmutt überzogen wieder herauszunehmen. Ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sich dort eine regelrechte Perlenindustrie.
Als der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné, der vor allem durch seine botanischen und zoologischen Klassifikationen Weltruhm erlangte, Mitte des 18. Jahrhunderts mit Zuchtperlen experimentierte, indem er eine kleine Kugel aus Kalkstein zwischen Schale und Mantel von Perlmuscheln einführte, war er kommerziell nicht besonders erfolgreich. Nach erfolglosen Verhandlungen mit Krone und Staatsrat verkaufte er sein Patent schließlich für gerade einmal 6 000 Taler an einen deutschen Kaufmann in Göteborg. Dieser, ein gewisser Peter Bagge, hatte nicht viel mehr Glück. Zwar wurde ihm 1762 das Monopol zur Zuchtperlenherstellung nach von Linnés Verfahren zugesagt, er verstarb aber, bevor er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen konnte.
Ob in Schottland, in Sachsen oder Bayern, die Nachahmungen schossen nur so aus dem Boden – mit sehr unterschiedlichem Erfolg.Der wirkliche Siegeszug der Zuchtperle begann erst, als 1890 der Japaner Kokichi Mikimoto anhand der alten chinesischen Methoden begann, runde Zuchtperlen zu produzieren, und das sogar im großen Maßstab. Nach langen Experimenten gelingt ihm schließlich das scheinbar Unmögliche: 1908 entdeckt er eine reproduzierbare Methode zur Zucht von vollrunden Perlen. Er meldet die Methode sofort zum Patent an und steigt damit binnen kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Männer Japans auf.
Hierzulande wird das Verdienst der Zuchtperlen-Erfindung neuerer Prägung gerne dem deutschen Professor Friedrich Alverdes zugeschrieben. Alverde hatte sich in seiner Zeit an der Marburger Universität mit Theorien wie der ganzheitlichen Betrachtung von Lebenserscheinungen, aber auch zu Rassenbildung, einen Namen gemacht.
Selbst Magazine und Zeitschriften griffen dieTheorie vom leider übergangenen deutschen Wissenschaftler, der durch die bösen Japaner seines Ruhmes beraubt wurde, begierig auf.
Nun, dieser angesehene Zoologe hat sich in der Tat sehr intensiv mit der Entstehung von Perlen und auch mit den Möglichkeiten ihrer Zucht befasst. Als er allerdings 1913 seine Perlen-Versuche durchführte, hatte Mikimoto in Japan schon mit der Massenproduktion von Zuchtperlen begonnen und war seit über 20 Jahren im Geschäft.
Auch wenn natürlich Perlenhändler die Zuchtperle anfangs energisch ablehnten, war ihr Siegeszug nicht mehr aufzuhalten. Denn endlich war es möglich, sich auch dann eine Perlenkette zu gönnen, wenn man nicht zu den Superreichen gehörte. Perlenschmuck ist nach wie vor ein Luxus. Aber einer, der erschwinglich geworden ist.
Perlen ? ganz technisch
Perlen im 20. Jahrhundert
Von wertvollen Perlenketten und perlenden Gleichnissen
Im Reich der schwarzen Perle
Flussperlen - eine Spurensuche
| vorheriger Blogartikel | nächster Blogartikel |
| « Das Mahl der Kleopatra | Im Reich der schwarzen Perle » |





