Perlen im 20. Jahrhundert
Aufstieg und Fall eines SchmuckstücksSchon seit uralten Zeiten mochten Menschen Perlen. Viele sahen sie auch als Geldanlage an. In London und Paris, den Zentren des Perlenhandels, sammelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mengen von Perlenhändlern und Aufkäufern an. So mancher pries das glänzende weiße Gold der See als exzellente Anlageform mit hohen Renditen an. Das zog. Die Preise für Perlen erreichten schwindelnde Höhen. Aus der ganzen Welt strömten Perlen in die großen Handelszentren.
Der Grund für diesen Perlen-Boom war, dass die feine Gesellschaft begann, sich mit Perlenketten zu schmücken. Musste man noch hundert Jahre zuvor dem Hochadel angehören, um sich eine Perlenkette um den Hals zu schlingen, so waren die wichtigsten Käuferschichten nun im Bereich des Großbürgertums und der Industrie zu finden. Man trug Perle. Zu der schlichten, unaufdringlichen Eleganz des Bürgertums passte ein schlichtes Perlencollier viel besser als Diamanten und Gold.
Auch die Verfechter des Jugendstils mochten die Perle. Mit barocken Perlen ließen sich wundervolle, geschwungene Schmuckstücke fertigen. Selbst ungewöhnliche ?Perlen? wie Abaloneperlen oder Conchperlen fanden sich Seite an Seite mit klassischen Naturperlen.
Lediglich mit der beginnenden Epoche des Art Deco fielen sie ein wenig in Ungnade. Ihre Weichheit, ihr sanfter Glanz und die runde Form waren offenbar all zu schwer mit den klaren, eckigen Formen und starken Kontrasten jener Designrichtung in Einklang zu bringen.
Perlen waren zum Statussymbol geworden. Noch heute gilt eine schlichte schmale Perlenkette in Choker-Länge als der eleganteste Damenschmuck. Zum dunklen Kostüm oder schlichten schwarzen Kleid strahlt sie ein Understatement aus wie kaum ein anderes Schmuckstück. Nun, in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg überboten sich Industriellengattinen, Millionärinnen und die, die wenigstens so wirken wollten, in den Salons und Gesellschaften mit dem aufwändigsten Perlenschmuck. Das hatte nichts mehr von Understatement, es ging um Sehen und Gesehen Werden. Wie hoch die allgemeine Wertschätzung für Perlen tatsächlich war, machte sich etwa der Juwelier Pierre Cartier zunutze.
Als Cartier 1917 seinen neuen Firmensitz in der New Yorker Fifth Avenue bezog, ein prachtvolles Gebäude in üppigem Neurenaissancestil aus dem Besitz des Bankiers Morton Plant, zogen sich die Zahlungsverhandlungen hin. Ein solcher Bau in so perfekter Lage war natürlich eigentlich unbezahlbar. Das wusste auch Cartier und bot Plant statt eines Kaufpreises eine Perlenkette an. Jahrelang hatte er an der Zusammenstellung des zweireihigen Colliers gearbeitet. Cartier bewies den richtigen Riecher: Plant ging ohne mit der Wimper zu zucken auf das Angebot ein. Die Kette wurde auf einen Wert von etwa einer Million Dollar geschätzt.
Das Aufkommen der Zuchtperle vor allem aus dem japanischen Raum dürfte am schnellen Wertverlust der Naturperlen nicht ganz unschuldig gewesen sein. Wichtiger allerdings war wohl die Weltwirtschaftskrise 1929, die die Nachfrage nach edlem Schmuck dämpfte. Jedenfalls fielen 1930 quasi über Nacht die Preise ins Bodenlose. Dieser ?Pearl Crash? hatte fatale Folgen. Der größte Teil der Perlenhändler musste aufgeben, als die Banken ihre Kredite zurückriefen. Die Perlenlager der Händler wurden auf einmal nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert.
Nun, im Laufe der Jahrzehnte erholte sich der Markt für Naturperlen wieder. Gerade im arabischen Raum werden sie nach wie vor für ungeheure Summen gehandelt. Die Zuchtperle jedoch, jene Neuerung, gegen die der etablierte europäische Perlenhandel sogar mit Gerichtsprozessen vorgegangen war, hat dazu geführt, dass eine Perlenkette oder ein Ohrschmuck aus edlen Perlen nicht länger den oberen Zehntausend vorbehalten sein muss. Dabei ist der Perlenmarkt heute größetenteils ein Markt für Zuchtperlen. Denn acuh wenn eine Naturperlenkette zweifelsohne Charakter hat: es ist schwer, Naturperlen zu finden, die sich in Größe, Form, Farbe und Lüster so perfekt zueinander verhalten wie heutige Zuchtperlen.
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