Der Baroda-Perlenteppich
Luxus aus 1001 Nacht?Wenn es einen Ort gibt, wo alle Träume seit den ersten Tagen, da der Mensch zu träumen begann, eine Heimat gefunden haben, dann ist es Indien.?
(Romain Rolland)
Wenn wir uns in Indien der Kolonialzeit zurückversetzen, entsteht in uns ein Bild von Dschungel und Elefanten. Von Palästen und im Luxus lebenden Maharadschas. Natürlich ist uns spätestens seit Gandhis Zeiten bewusst, dass dieses Klischee nicht immer ganz zutraf, auch wenn Hollywood mit seinen diversen Abenteuerfilmen dieses Bild in unseren Köpfen zementiert hat. Doch nicht immer waren diese märchenhaften Geschichten pure Erfindung.
Von 1856 bis 1870 regierte den indischen Zwergstaat Baroda der Maharadscha Gaekwar Khande Rao. Dieser nicht unumstrittene Herrscher liebte den Luxus und lieferte das Vorbild für zahlreiche literarische Gestalten. Vermutlich um das Wohlwollen seiner muslimischen Untertanen zu erlangen (für einen hinduistischen Herrscher kein leichtes Unterfangen), gab er ein Kunstwerk in Auftrag, das an Dekadenz und Luxus kaum noch zu übertreffen war: ein edler Chador für das Grab des Propheten Mohammed sollte es werden, und zwar einer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Gefertigt wurde er nicht aus Seide oder Wolle, nein, die besten Juweliere des Fürstentums knüpften ihn aus etwas sehr viel kostbarerem: aus Perlen.
Nun waren Perlen im Indien jener Zeit hoch geschätzt. Fast jeder örtliche Machthaber hüllte sich in
lange Perlenketten und zierte seine Ohrläppchen mit edlem Ohrschmuck aus Perlen. Mythologisch je nach Religionszugehörigkeit mit dem Lachen Krishnas oder den Tränen von Adam und Eva in Verbindung gebracht, galten sie als kostbares Kleinod. Auch die Familie des Gaekwars von Baroda hatte, wie so viele Maharadschas, Unmengen der edlen Fundstücke angehäuft. Insbesondere seine berüchtigte siebenreihige Perlenkette wurde zur Legende, erschien sie den Engländern, die mit ihm zu tun hatten, doch als Gipfel der Verschwendung.
Vielleicht war auch der berühmte Perlenteppich in erster Linie eine ausgefeilte Methode, diese Perlen aufzubewahren. Denn bis nach Mekka, wie angekündigt, hat es das gute Stück jedenfalls nie geschafft. Es verblieb in der heimischen Schatzkammer. Die Motive entstammen eher der arabischen Tradition und erinnern ein wenig an Rosetten, wie sie schon beim Bau des Taj Mahal kunstvoll gebildet wurden und sie im Mogulreich, von dem die Baroda-Herrscher zuvor ihr Territorium erobert hatten, so beliebt waren. Ursprünglich handelte es sich um einen runden Baldachin und vier Einzelteppiche im der Größe von je ca 2,70m x 1,60m. Erhalten ist allerdings nur noch eines dieser Teile.
Der Teppich besteht aus der unglaublichen Menge von etwa 1,4 Millionen Perlen (alles echte Naturperlen, wohlgemerkt) im Durchmesser von zwischen 2 und drei Millimetern, wobei die Motive teils mit wesentlich größeren Perlen ausgesetzt sind. Allein das Gewicht der Perlen des noch verbliebenen Teils des Teppiches beträgt etwa 6 kg. Jede Perle ist einzeln aufgezogen und verknüpft. Zudem wurden Edelsteine verarbeitet: 600 Smaragde, 1300 Rubine und sagenhafte 2600 Diamanten, eingefasst in Silber und Gold.
Sein Anblick, wenn das Sonnenlicht auf Millionen schimmernder Perlen fällt, muss einfach unvergleichlich sein, zumal selbst Lüster und Farbtöne dieser Perlen fein sortiert sind, um eine wellenartige Brillianz zu erzielen.
Solche Extravaganz hatte ihren Preis. 60 Millionen Rupien soll der exzentrische Herrscher ausgegeben haben. Bei einer Auktion 2009 im Emirat Katar holte der Teppich die Rekordsumme von 5,5 Millionen Dollar.
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